Vigeland + Munch

Hinter den Mythen

Zwei Giganten der norwegischen Kunstgeschichte, Edvard Munch und Gustav Vigeland, wird zum ersten Mal eine umfassende gemeinsame Ausstellung gewidmet. Ihre Arbeiten, ihre Entwicklung und ihre künstlerischen Ambitionen zeigen viele interessante gemeinsame Züge, und das Publikum erhält die Möglichkeit, neue Gemeinsamkeiten zwischen den beiden zu entdecken.

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Munch (1863-1944) und Vigeland (1869-1943) waren Zeitgenossen. Ersterer arbeitete hauptsächlich als Maler und Graphiker, letzterer als Bildhauer. Bei einem Altersunterschied von nur sechs Jahren frequentierten sie die gleichen Kreise und standen unter dem Einfluss der gleichen Kunstströmungen ihrer Zeit. Eine Zeit lang wohnten und arbeiteten sie sogar Wand an Wand in Berlin.

Zwar wird die Verbindung von Munch und Vigeland häufig erwähnt, jedoch zum Gegenstand näherer Untersuchungen ist sie noch nicht geworden. Beide Künstler werden lediglich oft für Rivalen gehalten, wohingegen sich die Ausstellung mit dem vielfältigen Charakter ihrer Verbindungen auseinandersetzt. So entdeckt man Parallelen zwischen ihren Werken von der Zeit ihrer ersten Lehrjahre an der Königl. Malschule in Kristiania (Oslo) bis zu ihrer späteren Schaffensphase als anerkannte Künstler in Ekely, beziehungsweise Frogner. Der rote Faden, der sich durch ihre gemeinsame Entwicklungsgeschichte zieht, ist die Wahl der Motive. So folgten etwa beide dem zeitgenössischen Trend, angsterfüllte Gestalten, zweideutige Liebesthemen oder finstere Motive des Jüngsten Tags darzustellen. Die präsentierten Arbeiten des jungen und weniger bekannten Vigeland entstammen einer Schaffensphase, als seine Skulpturen noch einen dramatischeren Inhalt und ein kleineres Format hatten als diejenigen, die wir aus dem Vigelandspark kennen. Einen späteren gemeinsamen Zug finden wir bei der monumentalen Aufeinandertürmung von Menschenkörpern: in gemalter Form bei Munchs Menschenberg und modelliert bei Vigelands Monolith.

Es gibt viele interessante Verknüpfungen, die ein neues Licht auf die beiden Künstler werfen – von der gegenseitigen Beeinflussung und gemeinsamen Inspirationsquellen bis hin zu thematischen und formalen Ähnlichkeiten. Dabei kann es mitunter schwerfallen, beide auseinander zu halten, während man aus größerer Distanz doch deutliche Unterschiede sieht.

Die zeitgenössische Betrachtung und Bewertung von Munch und Vigeland als typische Künstler der Jahre um 1900 wird in der Ausstellung untersucht und hervorgehoben. Zum Beispiel schrieb Sigbjørn Obstfelder 1894 voller Enthusiasmus, dass beide Künstler seien, «[...] deren Werke ein zusammenhängendes Weltbild ausdrücken». Und der polnische Schriftsteller Stanislaw Przybyszewski (1868-1927) hat als erster Texte über die beiden international veröffentlicht. Przybyszewski war eine wichtige Persönlichkeit in der Kunstwelt Berlins in den 1890er Jahren, als viele skandinavische Künstler sich in der Stadt aufhielten – darunter auch Munch und Vigeland. Er zeigte sich von den beiden Norwegern hoch begeistert und hielt sie für die besten Repräsentanten des damaligen Zeitgeistes.

Munchs Interesse für die Bildhauerei ist eine bisher unbekannte Seite seines künstlerischen Schaffens. Nach 1900 hat er Skulpturen in Lehm, Gips und Bronze geformt. Zum ersten Mal wird dem Publikum eine Auswahl dieser Werke präsentiert, in denen sich Munchs Versuche mit der dreidimensionalen Form widerspiegeln. Unter anderem wird seine monumentale Skulptur Menschenberg neben Modellen von Vigelands Monolith gezeigt.

Außer Gemälden, Skulpturen, Zeichnungen und Grafiken sind auf der Ausstellung Briefe, Fotografien, Zeitungsartikel, Zeitschriften und Bücher zu sehen. Möglich gemacht wurde die Ausstellung dank der guten Zusammenarbeit mit dems Vigelandmuseum und dem Nationalmuseum für Kunst, Architektur und Design, die dem Munchmuseum wichtige Werke zur Verfügung stellten.

Im Zusammenhang mit der Ausstellung wird ein reichhaltig illustrierter Katalog veröffentlicht, in dem unter anderem Stanislaw Przybyszewskis Text Edvard Munchs verk von 1894 zum ersten Mal auf Norwegisch und Englisch publiziert wird. Und auch der Text vom gleichen Verfasser über Gustav Vigeland, På sjelens veier, von 1895 ist dort wiedergegeben, neben einer Reihe neuerer kunstfachlicher Artikel.