Mapplethorpe + Munch

Auf den ersten Blick scheinen die Werke von Edvard Munch und Robert Mapplethorpe sehr verschieden zu sein. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man jedoch faszinierende Parallelen und Berührungspunkte. Dieses komplexe Verhältnis will die Ausstellung Mapplethorpe+Munch unter die Lupe nehmen.

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Er stand früh zu seiner Homosexualität und machte sich durch den homoerotischen Inhalt seiner Bilder einen Namen. Bekanntheit erlangte er außerdem durch seine künstlerische Auseinandersetzung mit der Sadomaso-Subkultur in der Schwulenszene. Bei Mapplethorpe finden sich viele Aktmotive, besonders afroamerikanischer Männer; zu manchen von ihnen hatte er eine sexuelle Beziehung. Stillleben mit Blumen und Porträts sind ebenso wiederkehrende Motive. Unabhängig vom Bildinhalt sind seine stilreinen Fotografien immer streng komponiert und verschreiben sich oft einem klassischen Schönheitsideal. Mapplethorpe ist Ästhet und Rebell zugleich.

Vergleicht man Munch und Mapplethorpe, entdeckt man rasch Gemeinsamkeiten. Da ist etwa der durchgängige Gebrauch traditioneller Genres wie Porträt und Akt, oder der existenzielle Drang, der sich auf unterschiedliche Weise durch ihre Werke zieht. Neben der Tatsache, dass beide mit ihrem Kunstschaffen Skandale auslösten, finden wir auch hinsichtlich ihres künstlerischen Selbstverständnisses Ähnlichkeiten. Beide waren zu Lebzeiten ein Teil der Künstlerbohème und subkultureller Strömungen, die sich dem Etablierten entgegenstellten.

Die Schau umfasst eine Reihe von Selbstporträts, die zeigen, wie Munch und Mappelthorpe die eigene Künstleridentität immer wieder neu ausloten und dabei auch christliche Bezüge herstellen. Mapplethorpe entstammte einer katholischen Familie. In der Lithographie Selbstbildnis mit Knochenarm (1895) und dem Gemälde Selbstbildnis in der Hölle (1903) spielt Munch mit dem Thema Tod und christlichen Vorstellungen von der Hölle. Mapplethorpes Selbstbildnis mit Teufelshörnern (Self Portrait, 1985) hat den gleichen dämonischen Charakter. Bei ihm finden wir drastische Vanitas-Motive, z. B. das Selbstbildnis mit Totenkopf (Self Portrait with Cane, 1988) oder das suggestive Porträt eines Totenschädels (Skull, 1988), das er aufnahm, nachdem er an AIDS erkrankt war. Beide Künstler stellen sich in existenziellen Randzonen dar, Munch in seinen Selbstporträt-Aufnahmen vom frühen 20. Jahrhunderts, Mapplethorpe in seinen frühen Polaroid-Fotografien, in denen er seine Sexualität vor der Kamera erforscht. Beide Künstler benutzen hier das Medium der Fotografie.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Thematisierung von Maskulinität, Sexualität und Geschlecht. Die hier skizzierten Verbindungslinien sind vieldeutig und faszinierend. Wie Munch beschäftigt Mapplethorpe sich mit dem weiblichen Akt. Am berühmtesten sind die Porträtarbeiten mit Lisa Lyon, einer Pionierin im Frauen-Bodybuilding zu Beginn der 80er Jahre. Hier fordert er stereotype Vorstellungen vom weiblichen Körper heraus.

Dass die beiden Künstler hervorragende Porträtmaler waren, lässt sich an den vielen Bildnissen der Ausstellung unschwer erkennen. Mapplethorpes zahlreiche Stillleben mit Blumen finden zwar keine direkte Parallele bei Munch, behaupten aber trotzdem ihren Platz innerhalb der Ausstellung, denn sie knüpfen sowohl an das Thema Erotik als auch an die direkten wie indirekten Anspielungen auf die Vergänglichkeit des Lebens an, die sich in Munchs Selbstporträts finden.

Robert Mapplethorpe (1946-1989) ist einer der umstrittensten und bekanntesten Künstler des vergangenen Jahrhunderts. Seinen Durchbruch als Fotograf erlebte er Ende der 70er Jahre in New York. Im darauffolgenden Jahrzehnt erlangte er sowohl in den USA als auch international Berühmtheit. 1989 starb er an den Folgen von AIDS. Mapplethorpe arbeitete konsequent nur mit Schwarz-Weiß-Fotografie. Zunächst benutzte er über mehrere Jahre nur eine Polaroid-Kamera, mit der er zwanglose Aufnahmen von sich und Freunden machte. Danach wechselte er zu einer Hasselblad Mittelformatkamera und arbeitete für den Rest seiner Karriere hauptsächlich im Studio, wo er Beleuchtung und Komposition vollständig in der Hand hatte.